Das Corona Quarantäne-Tagebuch

 

Das Corona Quarantäne-Tagebuch

Wie alles begann….

Tag 0 – Patient Null

Es war eine tolle Skiwoche mit Freunden in Südtirol. Wohlgemerkt, Südtirol nicht Norditalien, also kein Risikogebiet (meine Worterkennung möchte übrigens aus Risikogebiet immer Risikogeburt machen. So kommt es mir auch vor, die ganze Situation ist für alle Ämter nichts anderes als das).

Eine aus unserer Skigruppe fühlte sich Samstag und Sonntag nicht ganz wohl, hatte leichte Grippeerscheinungen und erhöhte Temperatur. Ihr Arbeitgeber hat sie vorsorglich zum C-Test geschickt und wie allen bekannt ist, war das Ergebnis POSITIV und die Reise der Skigruppe Südtirol begann aufs Neue!

Der Anruf vom Gesundheitsamt ging am Montagabend mit der Aufforderung „Schließen Sie die Tür von innen ab, verlassen Sie das Haus nicht und lassen Sie niemand rein. Morgen werden auch Sie getestet“ bei der gesamten Reisegruppe ein. Auf in ein unbekanntes Abenteuer für Amt und Leute!

 

Tag 1 – noch können wir lachen

Erst einmal wurden alle Personen informiert, mit denen wir am Montag Kontakt hatten. Die meisten von uns waren am Arbeitsplatz und haben am öffentlichen Leben teilgenommen. Uns ging und geht es ja gut, es gab keinen Grund, anders zu handeln.

Alle mit denen wir persönlichen Kontakt hatten (also mind. 15 Minuten Face-to-Face) mussten vorsorglich zuhause bleiben, bis die Testergebnisse vorliegen. Ich werde in diesem Bericht übrigens noch oft das Wort WAHNSINN nutzen müssen, weil mir nichts anderes passendes einfällt. Also es war WAHNSINN, wie die Reaktionen der Kollegen, Personalchefs und Mitmenschen waren. Manche waren entspannt aber von teilweise panisch bis leicht paranoid war fast alles dabei. Kollegen wurden nach Hause geschickt und die ersten Nachrichten kamen bei uns an. Alle dachten, wir liegen auf dem Sterbebett!!!

Arzt beim Abstrich in der Corona Quarantäne im Schutzanzug

Gut, noch mal zur Erinnerung, Tag eins, also Dienstag. Es wurde die Entscheidung getroffen, dass ein „Virenmobil“ zu uns nach Hause kommt, um den Abstrich zu nehmen. Wäre ja auch verantwortungslos, wenn das Gefahrgut noch einmal das Haus verlässt. Der völlig entspanne Doc kam dann also OHNE Mundschutz zu uns ins Haus und zog sich in aller Ruhe vor uns um (Merke: ohne persönlichen Kontakt und mit einem Abstand von zwei Metern = keine Übertragungsgefahr). Dann gab es das Stäbchen in den Mund und weg war das Outbreak-Einsatzkommando. Jetzt begann die erste Phase des langen Wartens….

Während des Wartens haben wir alle sorgenvollen Nachrichten beantwortet und siehe da, die Kinder können nicht nur digital, das erste Brettspiel wurde aus dem Schrank geholt. Eine ganz neue Erfahrung!

Gegen 21 Uhr dann der Anruf vom Gesundheitsamt. 3 Personen negativ, eine Person schwach positiv (ich) und eine Person positiv. Soweit so schlecht, denn erstens, was ist schwach positiv und was ist jetzt mit der positiv getesteten Person. Der erste Vorschlag vom Amt: „Vielleicht gibt es leere Kasernen, die wir nutzen können“ – ähm, Entschuldigung, für wen? Für die positiv oder die negativ getesteten? Von welcher Sorte gibt es bald mehr?

Mein Test sollte nochmal ins Labor und eine Lösung für das positiv-negativ Problem wurde uns für den nächsten Tag versprochen.

Dann mal gute Nacht, war ziemlich viel für einen Tag. Bis morgen!

 

Tag 2 – die Planlosigkeit beginnt!

Wir haben Mittwoch. Wir haben langsam STIMMUNG!
Am Vormittag sollte ich Bescheid bekommen, was denn nun mein endgültiges Ergebnis ist. Der einzige Anruf, den wir bekommen beinhaltete aber nur die Frage, wem unser positiv getesteter „Patient“ von Samstag bis Montag begegnet ist. Wir erinnern uns, der Virendoc hat sich erst bei uns im Haus umgezogen, aber alle die mit uns nur in einem Raum waren befinden sich nun auch in häuslicher Quarantäne. By the way manche derer, die mit einem negativ getesteten unserer Gruppe in Kontakt waren, sind fast ein bisschen enttäuscht gewesen. Sie sind dem Tod ja quasi von der Schippe gesprungen – vielleicht sollte diese Erfahrung auch mal interviewt werden!

Zurück zum Telefonat – wir bekamen keine weitere Auskunft über die Möglichkeit einer Isolation der positiv getesteten bzw. schwach positiv getesteten Personen. Nur eine neue Idee des Amtes, dass es vielleicht Waldheime gibt, die man für die Isolation nutzen kann. Was passiert dann da? Gemeinsames Stockbrot backen und Früchtetee trinken?

Der Vormittag vergeht, etliche Versuche das Gesundheitsamt zu erreichen gelingen nicht und mein Ergebnis (wie auch das Ergebnis von sechs weiteren unserer Gruppe) fehlt noch immer. Ich muss allerdings sagen, WENN wir mit jemand vom Gesundheitsamt sprechen, sind alle immer sehr sehr nett, zuvorkommend aber eben ohne genauen Plan.

Gegen 16:00 Uhr Entwarnung. Ich bin negativ.
Bringt uns aber nichts, solange eine positiv getestete Person in unserem Haushalt lebt, beginnt unsere Quarantänezeit noch nicht. Ein weiterer Test ist bisher nicht vorgesehen….

Noch eine kleine Geschichte am Rande:
Das Schreiben zur Quarantänepflicht wird als Einschreiben mit persönlicher Unterschrift vom Postboten übergeben – wie konsequent!

Lustig ist zuhause langsam nichts mehr. Keiner meldet sich, wie es mit der Isolation weitergeht, die Uni hat keine Kapazität und verweist auf das Gesundheitsamt, das Gesundheitsamt kann positiv getestet Personen ohne Symptome in kein Krankenaus einliefern lassen und uns wird gesagt, dass wir Pech haben, weil wir die ersten Fälle sind.

Reicht für heute!

 

Tag 3 – oder that´s what friends are for

Unser Patient positiv ist noch immer bei uns – und wir ahnen, freiwillig wird sich wohl auch keiner bei uns melden. Eine Freundin tut das, was wir eigentlich vom Gesundheitsamt erwartet hätten. Sie versorgt uns mit Desinfektionsmitteln, Einmalhandtüchern, Mundschutz und ganz wichtig: bäckerfrische Brötchen! Dickes Bussi an „sie weiß schon wer“!

Wir stellen uns die Frage, warum uns eigentlich niemand aufklärt. Wie lange ist man ansteckend, wann werden wir nochmal getestet, sind die negativen vielleicht schon positiv? Die Kette ist nicht mehr zu unterbrechen und die Handlungsstränge der Ämter werden immer unlogischer. Das Gesundheitsamt gibt uns keine Auskunft über Vorkehrungen oder Maßnahmen, die wir ergreifen können oder eine Orientierungshilfe. Alle Informationen, die wir haben, suchen wir uns aus dem Netz! Ich versuche zu arbeiten, kann ich mich aber vor lauter Zorn nicht konzentrieren!

 

In unserer Gemeinde wurde eine Dame zur Corona-Beauftragten ernannt (ich würde so gerne wissen, was jetzt auf Ihrem Türschild steht). Sie versucht alles menschenmögliche, um eine Lösung zu finden. Nächster absurder Vorschlag: Es gibt im Ort teilmöblierte Wohnungen, die eventuell aktiviert werden können. Wir wohnen in geordneten Verhältnissen – man könnte auch sagen, wir wohnen wirklich schön. Und jetzt soll eine Notunterkunft herhalten, von der wir nicht wissen, wer da zuvor gewohnt hat und wie der Zustand dort ist. Wir sind aus dem Alter der Studentenwohnheime echt raus! Wer kümmert sich dann eigentlich um die Versorgung? Und überhaupt wie sieht es dort aus (Bettwäsche, Handtücher, Küche, Bad, Internetzugang, um arbeiten zu können). Es geht auch nicht nur uns so, drei weitere Familien aus unserer Gruppe leben mit infizierten und nicht infizierten unter einem Dach. Wir kommen langsam an unsere Grenzen – es ist erst Tag 3. Es wird wissentlich in Kauf genommen, dass ein infizierter Patient vier nicht infizierte Personen ansteckt.

Im Übrigen schreibt das Robert-Koch-Institut folgendes vor:

Robert Koch Institut: Oberstes Ziel Infektionskette unterbrechen

Merke: Bezüglich der Quarantäne-Zeiten orientiert man sich penibel am RKI, beim Rest nicht…..

Die erste, die positiv getestet wurde, wird kommt sofort in eine Klinik und wird alle zwei Tage getestet. Eigentlich sollte das Verfahren bei allen weiteren positiv getesteten genauso sein. Die Zustände sind nicht tragbar – wie sieht es denn aus, wenn mal wirklich eine Katastrophe auf uns zurollt? Halleluja, was sagen eigentlich die Simpsons dazu? Und wo ist Dr. Gruber, wenn man ihn mal braucht?

Ach so, von unserer 21-Köpfige Reisegruppe hat mittlerweile jeder ein Ergebnis. Die Rechnung sieht wie folgt aus: 7x positiv, aus 3x schwach positiv wurde negativ, macht also 14x negativ. In vier Familien wohnen die gemischten Ergebnisse unter einem Dach.

 

Gerade kam zwei Mal Post. Einmal unser Corona-Tagebuch, das wir ab sofort führen dürfen zusammen mit einem Schreiben, in dem steht, dass wir jeden Tag zwischen 10 und 11 Uhr kontaktiert werden. Aha, ab morgen dann oder? Bis jetzt wollte keiner wissen, wie es uns geht…… Ich halte auf den Laufenden!

Das andere Paket war erfreulicher: Wir haben wirklich tolle Freunde, eben kam ein Care-Paket per Post: Alkohol hilft immer!!!!! Und eine Gesichtsmaske für meine Zornesfalten war ebenfalls drin. Vielleicht liest diesen Blog ein Beauty-Doc und spendiert mir eine Runde Botox & Hyaluron – werde ich benötigen nach diesem WAHNSINN!

Heute wird es ein langer Eintrag – erstens habe ich Zeit und zweitens passiert heute nichts und doch viel.
Die Gemeinde ist super! Jederzeit für uns erreichbar und sehr bemüht (und das meine ich jetzt nicht, wie eine Zeugnis-Note). Unser Quarantäne-Bescheid ging ein. Ich werde verrückt, folgendes steht drin:

 

Die Gemeinde hat versprochen, sich zu kümmern. Ich bin gespannt.


Morgen mehr, ich gehe jetzt shoppen…..auf Westwing!

Anordnung für die Corona-Quarantäne
 

Tag 4 – wir haben wieder kein Foto für dich!

Ich habe Kopfschmerzen. Ich weiß aber nicht, woher – von der Flasche Rotwein gestern Abend oder ist das jetzt Corona? Gestern habe ich mit meiner Tochter GNTM 2020 geschaut (auch nach 15 Staffeln ist scheinbar noch nicht allen Meeedchen klar, dass nur EINE Germanys next Topmodel werden kann). Der Bergdoktor wäre mir lieber gewesen, denn Dr. Gruber hat immer eine Lösung! Zu meinem Mann darf ich aber nicht, die Jungs schauen James Bond und irgendwann ist die Kapazität der möglichen TV-Geräte eben ausgeschöpft.

Dank der vielen Werbeunterbrechungen weiß ich jetzt aber, dass Palina Rojinski unten einen Tannenbaum hat. Danke dafür!

Tag 4, richtig? Sieben Kinder bzw. junge Erwachsenen aus unserer Gruppe sind schulpflichtig. Mein Sohn geht ins Gymnasium in die 9. Klasse. Ich habe vor zwei Tagen vorsichtig nachgefragt, ob es eine Möglichkeit gibt, ihn per FaceTime am Unterricht teilhaben zu lassen – nochmal zur Zwischeninfo: er ist erstens negativ getestet und zeigt zweitens bisher zu keiner Zeit mögliche Symptome. Ergo: er ist völlig gesund und (noch) Herr seiner pubertären Sinne. Vorschlag der Schule ist, dass ein verlässlicher Schüler ihm alle Aufschriebe zur Verfügung stellt und das ausgegebene Material einmal pro Woche postalisch verschickt wird. Online-Unterricht ist nicht möglich. Schön, dann mache ich mit ihm jetzt mein Abi 2 Punkt null - hoffentlich versteht das mein Chef – wird er sicher, wenn sich mein NC dadurch möglicherweise verbessert, oder?

Ach, ganz nebenbei, was bedeutet die Situation für uns Erwachsene? Für die Arbeitnehmer und die Selbstständigen aus unserer Reisegruppe – zwei oder drei Wochen aus dem Job gerissen. Entschuldigung, aber wir haben nicht nur – und das ist jetzt nicht abwertend gemeint – Sachbearbeiter in unserer Gruppe. Es stehen Existenzen auf dem Spiel und es interessiert niemand!

Wir behelfen uns seit der Bekanntgabe der Ergebnisse übrigens selber und haben unseren PP (Patient Positiv) in den Keller ins Gästezimmer verfrachtet. So hat er sein eigenes Bad, isst dort auch alleine und nähert sich uns nicht mehr als 2 Meter. Wir nutzen alle Einmalhandtücher und das Desinfektionsmittel trägt bald unseren Nachnamen! Aber einen positiven Nebeneffekt gibt es: So keimfrei, wie im Moment ist es bei uns schon lange nicht mehr gewesen – eine OP am offenen Herzen ist jederzeit möglich!

Mittlerweile ist 11:30 Uhr und ich bin gespannt, ob sich heute jemand vom Gesundheitsamt bei uns meldet…..

Das Gesundheitsamt fragt nicht, wie es uns geht, dafür viele Freunde, Kollegen und Bekannte. Allen, die negativ getestet wurden, geht es gut. Keine(r) hat Symptome oder fühlt sich schlecht. Unser persönlicher PP hatte ähnliche Symptome, wie unsere Freundin, die noch in der Klinik in Quarantäne ist: 2 Tage Müdigkeit, leichtes Fieber, schlapp. Beiden geht es wieder gut. Auch unser jüngster Patient ist wieder fit. Von den anderen positiv getesteten haben zwei keine Beschwerden und zwei haben noch immer Fieber, es wird aber besser! Einer der Fieber-Patienten wurde mit Medikamenten versorgt: Paracetamol!

Vom Gesundheitsamt hat sich bisher niemand gemeldet. Nicht einmal für die Gemeindeverwaltung ist dort jemand zu erreichen. (Ich muss wirklich nochmal ein Lob an die Gemeindemitarbeiter aussprechen, es wird nichts unversucht gelassen, um unser Fragen zu klären.) Ein zweiter Test hat auch nicht stattgefunden, obwohl das Virenmobil hier im Ort die Erstkontakte unseres PP abklappert - jetzt wird der Abstrich VOR der Haustür gemacht.

Alle Kinder und Lehrkräfte, die in der neu entdeckten Virushochburg Südtirol im Urlaub waren wurden nach Hause geschickt, vielleicht erledigt sich das Schul-Problem nächste Woche von selber. Im Fernsehen läuft eine Folge "Unsere kleine Farm" (Folge 13 / Staffel 3): "Die Epidemie" - wie passend! Und ich kann keine weitere Corona-Theorie mehr ertragen! Würde manch Intelligenz-Dementer einfach weniger gefährliches Halbwissen verbreiten, wäre die Paranoia der Nicht-Risikopatienten ein wenig eingedämmt!

Moment, es hat an der Haustür geklopft. Ist ein bisschen wie Nikolaus - stehen immer Überraschungen vor der Tür!


 

 

Ich glaube heute tut sich nicht mehr viel. Darum wünsche ich in diesem Sinne: "Wascht die Hände - Wochenende!"

Tag 5 – Unsere Stimmung ist wie das Wetter

Gleich zu Beginn: Am späten Nachmittag gestern kam nun doch ein Anruf vom Landratsamt (bei allen in unserer Gruppe) und hat sich nach unserem Befinden erkundigt. Der junge Mann war sehr freundlich und hat notiert, dass es in unserer Familie keinerlei Beschwerden gibt. An dieser Stelle wirklich noch einmal, alle Mitarbeiter der Ämter versuchen, die Situation in den Griff zu bekommen, dennoch bekommen wir, die direkt Betroffen sind, keine Aufklärung.

Leider fehlt uns noch immer die Aussage, ob und wann uns noch einmal jemand testet oder unsere häusliche Separation voneinander ausreichend ist um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Bisher sind alle Erstkontakte unseres PP negativ getestet worden.

Uns geht es, denke ich, wie vielen im Land. Man stellt sich die Frage, kann man das Virus überhaupt noch aufhalten bzw. was ist dran gefährlicher, als an einer bekannten Grippe. Krankheitsbild und Übertragung ähneln sich und bisher sind in Deutschland noch keine schweren Krankheitsverläufe bekannt. Es gibt noch keinen Impfstoff – aber ich bin auch nicht gegen die „normale“ Grippe geimpft, obwohl ich kein Impfgegner bin. Apropos Impfgegner: Bin gespannt, wie diese Gruppe reagiert, wenn es in 12, 18 oder 24 Monaten einen Impfstoff gibt. Ohne Zweifel, es ist wichtig, alte und kranke Menschen durch entsprechende Maßnahmen zu schützen aber ist SARS-CoV-2 wirklich tödlicher als die Grippe? Aktuell treten Todesfälle wie auch bei der Grippe bei Risikogruppen auf (Senioren, Menschen mit schweren chronischen Krankheiten), die Zahl ist prozentual höher aber die Mortalitätsrate bezieht sich hauptsächlich auf Zahlen aus Wuhan. Das Internet muss mittlerweile leer sein, denn ich habe alles rausgelesen! Eine echte Antwort habe ich aber nicht gefunden.

Ich mache mir Sorgen – und ich habe viel Zeit, mir Sorgen zu machen. Mit welchem wirtschaftlichen und dadurch auch finanziellen Konsequenzen muss nicht nur Deutschland und Europa rechnen? Wird es eine zweite und dritte Welle geben? Ich bin negativ getestet, treffe ich nach „Entlassung“ wieder auf einen Positiven, fängt das Spiel dann von vorne an? Muss mir jetzt dringend die Jogginghose ausziehen und Körperhygiene betreiben, denn Karl Lagerfeld hat schon recht: Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren!

Ich kann nicht oft genug betonen, wie großartig sich unsere Freunde um uns kümmern! Wir werden nicht nur mit Lebensmitteln und Blumen versorgt, eine Freundin hat gefragt, ob sie uns ein Kochbuch samt Zutaten bringen soll, dass wir uns zu unserem wenigen Auslauf wenigstens gesund ernähren – ich hoffe, sie bringt uns nicht Nudeln mit Klopapier. Wirklich toll und die Unterstützung ist vor allem moralisch richtig wichtig.

Auch wenn es aus dem Kontext gezogen ist, wenn ich in der Zeitung lese, dass die häusliche Isolation eine „einzigartige Chance“ ist, dann untermauert das die Vorstellung einiger aus der Masse, dass wir hier auf Staatskosten „Urlaub“ machen. In den sozialen Medien häufen sich Kommentare wie „ausschlafen und Füße hochlegen“, „macht doch Steuererklärung“, „ich würde auch gerne zwei Woche alle Serien auf Netflix schauen“, „alle die im Krankenhaus liegen, beschweren sich auch nicht“ etc. etc.

Wir sind nicht krank, das heißt, uns genügen die üblichen 7-8 Stunden Schlaf (ok, die Pubertiere mal ausgeschlossen), Homeoffice ist bedingt möglich, muss auch gemacht werden, denn die Arbeit bleibt sonst liegen und auch die Schüler unserer Reisegruppe schreiben ins Heft, was diese Woche gelernt wurde (wer 12-15-jährige daheim hat, die nicht unbedingt zu den Hochbegabten zählen, weiß, wovon ich rede). Aber das füllt nicht aus, der Tag zieht sich wie Kaugummi und ganz ehrlich, wenn ich zwei Wochen auf dem Sofa liege und Fernsehen schauen, muss ich ja Angst vor Thrombose haben – ab wann muss ich vorsorglich die passenden Strümpfe tragen und ein Physiotherapeut darf ja auch nicht rein, wenn ich Rücken davon bekomme.

Leute, ich habe keine Angst vor dem Virus, ich habe Angst vor weiteren 14 Tagen Quarantäne!

Tag 6 – noch nicht mal Halbzeit!

Das Gesundheitsamt hat alle akquiriert, die ein Telefon bedienen können und es wird fleißig angerufen. Bei manchen 3x am Tag, bei anderen dafür gar nicht. Wir sind also gut vorbereitet Herr Spahn – aha!

In einem Care-Paket war gestern interessante Lektüre: Die aktuelle InStyle hat im Gegensatz zu unserer Regierung ihre Hausaufgaben gemacht und Styling-Tipps für uns Corona-Mädels parat. Jetzt, wo das Leben im Moment relativ günstig ist, kann ich mir ja einen Versace-Haargummi für 110 Euro bestellen.

Ich habe mir die ganze Woche Sonne gewünscht und heute, wo sie scheint, fällt mir die Isolation allerdings doch schwerer, weil ich nicht raus darf – in den Garten zu können ist ein kleiner Trost, aber wir haben noch nicht mal Halbzeit! Isolation geht allerdings auch schlimmer, wir sind wenigstens zuhause und nicht in der Innenkabine eines Kreuzfahrtschiffes.

Und während wir hier so „rumgammeln“, haben ein paar Dorfbewohner ein neues Hobby. Sie versuchen durch intensive Befragung unserer Nachbarn, Anrufen bei der Gemeinde und beim Gesundheitsamt herauszufinden, wer denn der Patient Positiv ist. Ich hoffe, wir müssen nicht auswandern, wenn wir wieder raus dürfen. Aber wen wundert´s, die Bildzeitung mit ihrem großen Herz für Einzeller betitelt heute ein Video mit „Das Virus als lautloser Killer“! Da bekomme ich Schnappatmung aber nicht wegen einer Erkrankung der Atemwege.

Brennt eigentlich Australien noch? Und wo ist Greta?

Bildausschnitt eines Magazins mit Klamotten

Tag 7 - Formtief!


Das einzige, woran ich mich gewöhnen könnte ist die Lieferung von frischen Brötchen jeden Morgen!
Heute ist es eine Woche her, dass wir die "Corona-Diagnose" erhalten haben. Ein paar meiner Leidgenossinnen beneiden mich darum, dass mein Mann im Keller isoliert ist, ich hätte ihn gerne bei mir.

Gestern hatte das tolle Wetter leider negative Auswirkung auf meine Stimmung. Auf der Terrasse zu sitzen fühlte sich an, wie im Freibereich eines Sanatoriums - mit Jogginghose und in eine Decke gewickelt, hätte nur noch Kamillentee gefehlt. Ich konnte es nicht genießen, es war der erste richtig schlechte Tag unserer Isolation. Einzig unser Grillabend war ein Lichtblick unseres Formtiefs. Eine schöne Idee unserer Freunde! Lest bitte vor allem den "Liebesbrief".



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